So unterschiedlich können Livestreams im Internet angeboten werden

Livestreams von Schachturnieren

Ich selber bin zwar kein großer Schachspieler, aber ich schaue mir regelmäßig große Schachturniere per Livestream im Internet an. Mit diesem Hobby bin ich nicht ganz alleine.

Im folgenden Artikel geht es darum, wie Schachturniere ins Internet gestreamt werden und welche verschiedenen Philosophien hinter den Streams der Veranstalter stehen können. Wer sich für Streams von Sportveranstaltungen im Internet interessiert und einen kurzen Blick hinter die Kulissen werfen möchte, findet in diesem Artikel vielleicht einige interessante Anhaltspunkte.

Live Schach Marktanteile

Die Schachweltmeisterschaft 2013, in welcher der Norweger Magnus Carlsen gegen den Inder Vishy Anand antrat, schauten alleine in Indien und Norwegen täglich mehr als 100 Millionen Menschen live im Fernsehen. Diese Zahl kann sicherlich noch einmal verdoppelt werden, wenn man weiterhin die Menschen einbezieht, die dieses Großereignis über andere Kanäle, wie zum Beispiel über das Internet verfolgten.

Magnus Carlsen, der amtierende norwegische Schachweltmeister, ist in seiner Heimat Norwegen derart populär, dass der norwegische staatliche Fernsehsender NRK große Schachturniere mit ihm live im TV Zeigt. Dabei werden diese mehrstündigen Liveübertragungen aufwendig inszeniert und kommentiert. Wie beliebt diese Sendungen in Norwegen sind, sieht man daran, dass solche Übertragungen mit teilweise über 40 Prozent Marktanteil regelmäßig Rekordquoten erreichen.

In Deutschland und in den meisten anderen Ländern sind solche Zahlen unvorstellbar. Schach findet im TV so gut wie gar nicht statt. Deshalb verfolgen Schachfans aus aller Welt völlig selbstverständlich große Schachturniere per Live-Stream im Internet.

Internet Live-Streaming im Schach

In der Regel werden solche Schachturniere auf verschiedenen großen Schachwebseiten und Schachservern live übertragen. Da Schach sehr spezielle Anforderungen an eine solche Liveübertragung hat, gibt es hierbei unterschiedliche Varianten. Zum einen kann es sein, dass die Veranstalter selber eine Übertragung auf ihren Webseiten anbieten und mit eigenen Kommentatoren eine Show auf die Beine stellen.

In anderen Fällen produzieren externe Schachwebseiten rund um die aktuellen Züge eine komplette Live-Show mit meist mehreren Kommentatoren, welche die aktuellen Spiele live analysieren und besprechen. Diese Shows werden dann einfach per Videostream ins Internet übertragen. Je nach Turnierformat dauern solche Liveshows auch gerne mal 6 oder mehr Stunden.

Die aktuellen Züge erhalten die Seitenbetreiber dabei meist über ein Live-PGN File, welches die Veranstalter zur Verfügung stellen können und mit welchem die aktuellen Züge quasi in Echtzeit übertragen werden. Das kann man sich wie eine Art Live-Feed vorstellen, der sich selbständig aktualisiert. Auf diese Art und Weise finden Schachfans auf vielerlei Schachwebseiten die Spiele laufender Turniere und können sich über die aktuellen Stellungen auf den verschiedenen Brettern informieren.

Macht die Webseite ihre Sache gut, dann stellt sie nicht nur die aktuellen Stellungen in Echtzeit bereit, sondern zeigt darüber hinaus neben oder unter den jeweiligen Brettern auch die Bewertung ausgesuchter Schachengines an. Eine Schachengine ist quasi ein Schach-Computerprogramm, das permanent die aktuelle Stellung bewertet und die besten Züge anzeigt.

Dazu muss man sagen, dass Schachengines schon lange sehr viel stärker sind als die besten menschlichen Schachspieler. Die Engine-Bewertung hat also durchaus eine ziemlich genaue Aussagekraft über die aktuellen Stellungen auf den Brettern. Schlechte Schachspieler wie ich, könnten ohne eine solche Bewertung meist überhaupt nicht abschätzen, welcher Spieler aktuell besser steht und welche Varianten eventuell zum Sieg führen könnten.

Oft kann man auf den virtuellen Schachbrettern der einzelnen Webseiten auch eigene Züge der laufenden Livepartien ausführen und somit ein wenig mit den aktuellen Stellungen herumspielen.

Von großen Turnieren werden neben den Zügen auch jeweils verschiedene Videostreams angeboten, so dass man den Kontrahenten beim Schachspielen zuschauen und das Geschehen vor Ort verfolgen kann. Manchmal muss man für diese Live Videostreams die Webseite des Veranstalters besuchen, während in anderen Fällen diese Videostreams von den Live-Shows auf den externen Webseiten eingebunden werden. All diese Varianten habe ich selber schon gesehen.

Als Schachfan ist man es also gewohnt, meist verschiedenen Anlaufstellen im Internet zu haben, welche die Turniere übertragen. Die Live-Shows der verschiedenen Turniere werden dann, je nach Größe des Turniers, auch meist in unterschiedlichen Sprachen zur Verfügung gestellt. So hat man oft die Möglichkeit zwischen englischsprachigen und spanischen Live-Shows auszuwählen. Gelegentlich findet man sogar auch deutschsprachige Kommentatoren, welche die Shows in deutscher Sprache abhalten.

Wenn man sich für solche Schachturniere interessiert, dann findet man mit dem Schachportal chess24 eine sehr gute Anlaufstelle. Schaut man dort unter dem Menüpunkt Sehen/Live-Turniere, sieht man, dass dort eigentlich permanent Live-Übertragungen von Schachturnieren stattfinden.
Schach und Livestreams gehen also schon lange Hand in Hand und werden regelmäßig von einer sehr großen weltweiten Schachcommunity mit Spannung verfolgt.

Restriktionen und Exklusivität von Livestreams

Beim diesjährigen Kandidatenturnier in Moskau, bei dem Magnus Carlsens Gegner für die diesjährige Schachweltmeisterschaft im November ermittelt wurde, wich der Veranstalter von dieser bisher gängigen Praxis ab, Züge und/oder Videostreams der Turniere zur Verfügung zu stellen, und verärgerte damit eine Menge Schachfans.

Der Veranstalter dieses Turniers, ein kommerzielle Partner vom Internationalen Schachverband FIDE, welcher die Austragung zahlreicher Schachveranstaltungen für sich beansprucht, verbarrikadierte das Turnier hinter der eigenen Website und gab weder Live Züge noch Live Videostreams nach außen. Somit machte man es den großen Schachwebseiten fast unmöglich, die aktuellen Geschehnisse in Moskau auf ihren eigenen Webseiten abzubilden.

Wollte man als Schachfan dieses Turnier live verfolgen, war man quasi gezwungen, die offizielle Website des Veranstalters zu besuchen, wo das Turnier live gezeigt und kommentiert wurde. Und genau das wollte der Veranstalter mit dieser Taktik auch bewirken.

Gerechtfertigt wurde diese bisher unübliche Praxis damit, den kommerziellen Wert eines solchen großen Sportereignisses durch Exklusivität schützen zu wollen. Der Veranstalter argumentierten, dass man Sponsoren nur dann glücklich machen könne, wenn man die maximale Anzahl von Zuschauern exklusiv auf der eigenen Website bündeln würde.

Auf den ersten Blick macht das aus unternehmerischer Sicht natürlich durchaus Sinn. Wenn alle interessierten Schachfans ein und dieselbe Website besuchen müssen, um das Turnier verfolgen zu können, dann hat man natürlich die Möglichkeit, möglichst viele dieser Fans mit seiner Werbung zu beglücken. Die Zahlen für Reichweite schießen somit in die Höhe und machen die ganze Angelegenheit attraktiv für Sponsoren.

An dieser Stelle muss man erklärend hinzufügen, dass man auch im Schach, ebenso wie bei Turnieren anderer Sportarten, auf Sponsorengelder angewiesen ist. Produktion, Werbung, Livestreaming, Preisgelder, Reisekosten, Location – all das kostet eine Menge Geld. Ohne zahlungswillige Sponsoren kann man solche Großveranstaltungen also vergessen.

Aber zurück zu diesem Kandidatenturnier, das sich maximal nach außen abschottete.

Bei den Schachfans kam dieser drastische Schritt überhaupt nicht gut an, da diese es bisher gewohnt waren, solche Turniere live auf ihren Lieblingsschachwebseiten verfolgen zu können. Darüber hinaus waren viele Fans auch mit der Qualität dieser exklusiven Übertragung unzufrieden. Das betraf nicht nur die dortigen Kommentatoren und die Art der Produktion, sondern auch technische Aspekte. So kam es zum Beispiel wiederholt vor, dass diese offizielle Website nicht erreichbar war. Das ist ein Punkt, den man eventuell hätte voraussehen können.

Denn wenn man durch solche Restriktionen alle Schachfans weltweit dazu zwingt, eine einzige Website besuchen zu müssen, dann muss man dort auch für die entsprechenden Ressourcen sorgen. Und das ist alles andere als trivial, da es tatsächlich eine sehr große Community von Schachfans gibt, die solche Turniere regelmäßig live verfolgen. Unter einer gewissen Last bricht jede Website irgendwann zusammen.

Die verärgerten Reaktionen auf dieses Verhalten ließen nicht lange auf sich warten. In den einschlägigen Chats machten viele Schachfans ihrem Ärger Luft. Auch deshalb, weil man seitens des Veranstalters anderen Webseiten, die auf welchem Weg auch immer versuchten, ebenfalls live von diesem bis dato wichtigsten Schachturnier des Jahres zu berichten, mit rechtlichen Schritten drohte.

Grundsätzlich ist es jedoch keine schlechte Idee, die Kommerzialisierung des Schachs vorantreiben zu wollen. Schafft man es, mehr Sponsorengelder im Bereich des Schachs zu sammeln, hat man sehr viel mehr und bessere Möglichkeiten, dieses weltweit sehr beliebte Spiel noch mehr Menschen näher zu bringen. Insgesamt wird derzeit von vielen Stellen daran gearbeitet, Schachturniere noch attraktiver und populärer zu machen, auch für eine breitere Öffentlichkeit.

Demokratische Livestreams

Dass man solche Livestreams von großen Schachturnieren, die auf Sponsorengelder angewiesen sind, auch ganz anders produzieren und veröffentlichen kann, zeigten die Veranstalter des gerade zu Ende gegangenen Schnell- und Blitzschachturniers in Paris, an dem 10 der besten Schachspieler der Welt teilnahmen. Dort entscheid man sich nämlich, nicht nur die Live Übertragung der Züge an alle Schachwebseiten herauszugeben, sondern sogar auch den Live Videostream, der aus mehreren Streams unterschiedlicher Kameras und Positionen bestand.

Somit konnte sich quasi jeder Betreiber einer Schachwebseite dieser Streams bedienen und eine komplett eigene Berichterstattung mit Livekommentaren auf seiner eigenen Website zu Verfügung stellen. Mehr Freiheit ist in diesem Bereich nicht möglich.

Malcolm Pein, einer der Organisatoren dieses Turniers, erklärt in folgendem äußerst interessanten Interview die Philosophie hinter diesem sehr liberalen und offenen Vorgehen.

Aus seiner Sicht sei dieses Vorgehen eine demokratische Philosophie, die besagt, dass das Schachspiel ein globales Spiel ist und so viele Menschen wie möglich sich daran erfreuen sollen.

Er erklärte, dass sie als Veranstalter keinerlei Ambitionen hätten, den Zugang zu diesem Turnier zu begrenzen oder es gar in einem “Pay per View” Modell zu vermarkten. Diesen Weg halte er für falsch. Vielmehr sei es aus seiner Sicht richtiger, so viele Menschen wie möglich in den Prozess der Verbreitung einzubinden.

Aus diesem Grund haben sie sich dazu entschieden alle Streams gesammelt auf einer Plattform (dailymotion games) zu vereinen und diese für jedermann verfügbar zu machen. Gut findet Malcolm Pein, dass auf diese Art und Weise nahezu jeder seine eigene Show mit diesen Streams anbieten könnte.

Nun stellt sich natürlich die Frage, ob es nicht für Sponsoren doch besser ist, den bereits beschriebenen Weg des Veranstalters des Kandidatenturniers in Moskau einzuschlagen, und möglichst viele Zuschauer auf der eigenen Website zu bündeln, um so den Sponsoren die größtmögliche Plattform und Reichweite zu bieten.

Zu diese Thema erklärt Malcolm Pein, dass jeder, der seine eigene Show von diesem Turnier veröffentlicht, sowieso die vom Veranstalter zur Verfügung gestellten Videostreams nutzen wird. Da die gesamten Sponsoren ohnehin in allen Videostreams promotet würden, bekämen diese somit in jedem Fall ihre verdiente Werbung. Und das sogar auf einem viel einfacheren Weg und ohne Zuschauer dazu zwingen zu müssen, eine bestimmte Website zu besuchen.

Pein sagt weiterhin, dass wenn man darauf besteht, dass alle Schachfans auf die eigene Webseite kommen müssen um das Turnier live zu verfolgen, dann muss man auch über eine wirklich sehr solide Infrastruktur verfügen. Außerdem müsse man dann auch wirklich alles richtig machen. Geschieht in einer solchen Konstellation ein Fehler, dann wirkt sich dieser Fehler auf alle Zuschauer aus, so Pein.

Insgesamt vertritt Pein in diesem wirklich sehenswerten Interview sehr vernünftige Ansichten, die sicherlich für die ein oder andere Vorlesung zum Thema Marketing, Sponsoring, Internet und Reputationsmanagement als Beispiel herhalten könnten. Und auch Organisatoren und Veranstalter von Sportereignissen oder anderen Events, die live über das Internet gestreamt werden, können sich von dieser Haltung einiges abschauen.

Fazit und abschließende Überlegungen

Für Millionen von Schachfans aus aller Welt ist das Live-Streaming von Turnieren per Internet schon lange eine Selbstverständlichkeit. Abseits des Mainstream Fernsehens hat sich in diesem Bereich eine sehr aktive und interessierte Community gebildet.

Wie man das eigene Produkt mehr Menschen zugänglich machen kann und gleichzeitig Fans und Sponsoren zufrieden stellt, zeigte das Schachturnier in Paris.

Die hier beschriebenen sehr unterschiedlichen Herangehensweisen können dem einen oder anderen Veranstalter als lehrreiche Beispiele im Bereich Live-Streaming per Internet dienen.

Auch wenn man Schach nur sehr schlecht mit anderen Sportarten vergleichen kann, wäre es doch eine interessante Vorstellung, wenn man das positive Beispiel vom Schachturnier in Paris einmal auf die Fußball Bundesliga anwenden würde.

Wenn sich quasi jeder die öffentlich zur Verfügung gestellten Livestreams der Bundesligaspiele nehmen könnte, um diese auf einer eigenen Webseite mit eigenen Live-Kommentaren als Stream anbieten zu können. Welche neuen Möglichkeiten und Märkte sich hier bilden würden, kann man nur erahnen.

Viel zu häufig wird leider akzeptiert, dass sich Unternehmen gewisse Sportarten aneignen und den Zugang zu diesen Sportübertragungen für viel Geld verkaufen. Solche Sportarten sind dann nicht mehr für eine breite Masse verfügbar, da es sich nicht jeder leisten kann für einen solchen Zugang regelmäßig zu bezahlen.

Darüber hinaus widersprechen solche Hürden dem offenen und freien Grundgedanken des Internets. Aber das ist selbstverständlich ein anderes Thema.

PS: Schachweltmeister Magnus Carlsen in der ARD Sportschau mit dem Dimitri Payet Song

Gestern zeigte die ARD Sportschau in ihrer Vorberichterstattung zum Fußball EM 2016 Spiel Frankreich gegen Albanien einen kurzen Videoclip von Schachweltmeister Magnus Carlsen, in dem er den Dimitri Payet Song nach dem Eröffnungsspiel der Franzosen gegen Rumänien sang, und dazu das passende T-Shirt trug. Da soll doch nochmal einer sagen, Schach würde es nicht ins deutsche Fernsehen schaffen ;-)